Schüchtern wie Erstklässler!
Deutsche Elf erstarrte in Ehrfurcht vor Spaniens famosen Virtuosen!

PIERRE ARZBERG
DURBAN - Schade. Es hat nicht sollen sein. Spanien war stärker, die deutsche Elf eindeutig schwächer. Ausgespielt, förmlich ausgeblutet, untergegangen im furiosen Kurzpass-Wirbel von „La Roja“.
Aus, aber raus mit Applaus. So lautet das Fazit für die deutsche Elf, die in diesem Halbfinale nicht mehr so unwidertstehlich und selbstsicher auftrat wie bisher im Turnier.

Zuviel RESPEKT war da im Spiel gegen das brillante Spanien. Die deutschen Stars verneigten sich förmlich vor der beeindruckenden spielerischen Klasse der Spanier.

Die deutsche Elf war da zu brav. Erst in der 52. Minute wurde das erste gröbere deutsche Foul gepfiffen!

Wie schüchterne Erstklässler wirkte die DFB-Elf zeitweise. Das konnte am Ende nicht gut gehen. Und es ging auch nicht gut.

Zu wenig. Einfach zu wenig. Wie vor zwei Jahren im Endspiel der EM in Wien unterlag Deutschland den Spaniern völlig zurecht.

Ein wenig wurde sie auch „rausgemüllert“, denn das Fehlen des bisher so bärenstarken Bayern-Stars machte sich – wie leider befürchtet! – überdeutlich bemerkbar.

Ohne Müller besaßen die Aktionen der deutschen Elf nicht mehr die Kantigkeit, Unberechenbarkeit, Tiefe, Läufe und Torgefährlichkeit der letzten WM-Auftritte.
Zu wenig. Einfach zu wenig. Wie vor zwei Jahren im Endspiel der EM in Wien unterlag Deutschland den Spaniern völlig zurecht.
Ein wenig wurde sie auch „rausgemüllert“, denn das Fehlen des jungen Bayern-Spunds Thomas Müller machte sich – wie leider befürchtet – deutlich bemerkbar.
Ein größeres, indirektes Kompliment kann ein 20 jähriger Nachwuchsspieler nicht erhalten; noch vor einem Jahr kickte Müller mit FC Bayern II in Sandhausen - nun ist er ein Weltstar.
Unglaublich.
„Wir haben bisher ein tolles Turnier gespielt. Heute hat es nicht so geklappt. Wir haben nie unsere Hemmungen abgelegt. Wir sind traurig und enttäuscht, aber Spanien hat ein Klassespiel gezeigt und wird dieses Turnier gewinnen“, analysierte Löw die 90 Minuten im Moses Mabhida-Stadion von Durban.
Kapitän und Barcelona-Star Carles Puyol erledigte
das DFB-Team vor 60 960 Zuschauern mit seinem Kopfballtor in der 73. Minute höchstpersönlich.
Statt ins Traumfinale gegen Holland, geht es für die deutsche Mannschaft nun wie vor vier Jahren bei der Heim-WM zum Trostspiel um Platz drei. Dort ist in Port Elizabeth Uruguay der Gegner. „Ziel ist jetzt, das letzte Spiel zu gewinnen und Dritter zu werden“, sagte Löw.
„Ich bin heute nicht enttäuscht, aber ich bin traurig für die Jungs. Wir wollen jetzt nicht schlechter abschneiden als 2006. Die Spanier sind vier Jahre weiter als wir und da wollen wir auch hinkommen“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger.
„In der Mannschaft steckt unheimlich viel Potenzial drin. Mit ein bisschen Abstand werden alle mit Stolz auf diese WM zurückblicken“, betonte Teammanager Oliver Bierhoff. „Die Mannschaft zeichnet aus, dass sie spielerisch viel mehr kann, als sie heute gezeigt hat“, bekräftigte auch Löw.
Die große Chance, dem Spiel doch noch einmal eine Wende zu geben, verpasste der eingewechselte Toni Kroos, dessen platzierten, aber nicht allzu harten Schuss in der 68. Minute Torhüter Iker Casillas parierte.
„Es ist bitter, wenn man im Halbfinale ausscheidet. Wir haben vor allem in der ersten Halbzeit nicht gut und nicht mutig genug nach vorn gespielt“, sagte Kapitän Philipp Lahm mit Tränen in den Augen. Auch Torwart Manuel Neuer, der mit seinen Paraden eine höhere Niederlage verhinderte, beklagte fehlende Entschlossenheit: „Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt.“
Das sah auch der diesmal chancenlose Miroslav Klose so: „Wir haben uns zu wenig zugetraut.“
Vermisst wurden aber auch die Ideen von Thomas Müller, der wegen der zweiten Gelben Karte zuschauen musste. In der lange Zeit von Taktik und großem Respekt geprägten Partie blieb die deutsche Mannschaft den Nachweis ihrer Titelreife schuldig.
Sie ging nicht wie erwartet mit breiter Brust ins Spiel, sondern agierte betont vorsichtig und beraubte sich damit ihrer eigentlichen Stärke. So entwickelte sich eine Begegnung, die auf fatale Weise an das EM- Finale vor zwei Jahren erinnerte: Im Mittelfeld überlegene Spanier und eine

Es sollte nicht sein
deutsche Elf, die gegen deren betörenden Kurzpass-Wirbel keine Mittel fand.
Bastian Schweinsteiger leistete sich bei seinem 80. Einsatz im DFB-Team überraschend viele Ballverluste und war nicht der erhoffte Ankurbler.
Piotr Trochowski, der für den vierfachen Torschützen Müller zum Zuge kam, hatte einige gute Szenen, offenbarte aber seine bekannte Schwäche im Abschluss.
„Wir wollen Geschichte schreiben“, hatten die Spanier vor ihrem historisch ersten WM-Halbfinale angekündigt. Und dieses Vorhaben setzte die Mannschaft vor den Augen ihrer Königin Sofia entschlossen um.
Coach Vicente del Bosque hatte auf die Formschwäche von Fernando Torres reagiert und den Siegtorschützen vom EM-Finale 2008 durch Pedro Rodriguez ersetzt. Der Angreifer vom FC Barcelona ging auf den Flügel und war sofort gefährlichster Akteur seines Teams.
Bloß kein Gegentor - Sicherheit war dagegen im fünften Turnierspiel oberstes Gebot für die deutsche Elf, die zu viel Respekt vor dem Europameister erkennen ließ.
Während der Ball bei den Iberern flüssig durch die Reihen lief, konnte Löws tief stehende Elf nur reagieren.
Als Pedro Torjäger Villa steil schickte, verhinderte allein Neuers Rettungstat den drohenden frühen Rückstand (6.). Acht Minuten später zischte ein wuchtiger Kopfball des frei stehenden Puyol nach Iniesta-Flanke über das deutsche Tor.
Erst Mitte der ersten Halbzeit kamen Schweinsteiger und Co. allmählich auf Touren, doch klare Torchancen konnten sie sich nicht erspielen. In der 32. Minute versuchte es Trochowski aus der Distanz, Casillas lenkte den Ball aber mit den Fingerspitzen zur Ecke.
Auch in der Halbzeitpause fand die deutsche Mannschaft ihren Mut nicht - vielmehr erhöhten die Spanier den Druck und kamen zu weiteren guten Möglichkeiten.
Der sträflich unbewachte Xabi Alonso verfehlte zweimal aus der Distanz das deutsche Tor, ehe Löw reagierte und den gegen Pedro überforderten Jerome Boateng durch Marcell Jansen ersetzte (52.).
Wenig später wurde Neuer zum Retter, als er den 18 Meter-Knaller von Pedro entschärfte (58.), dann rutschte Villa vor dem leeren
deutschen Tor an einer scharfen Hereingabe vorbei.
Erregt zog sich Löw am Spielfeldrand das Jackett aus und forderte seine Mannschaft zu mehr Bewegung auf.
Mit Kroos für Trochowski holte er bereits frühzeitig den zweiten Joker aus dem Ärmel.
Als Sami Khedira dann beim Eckball von Xavi Abwehrspieler Puyol – geschickt freigesperrt von Pique! - nicht am Kopfball hindern konnte, war auch Neuer chancenlos.
Nach dem Aus hat Löw seinem Team dennoch ein großes Lob erteilt. „Gegen Spanien hat es nicht gereicht, aber ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen, sie hat stark gespielt und hart gearbeitet in all den Wochen.“ erklärte der Bundestrainer nach der 0:1- Niederlage in Durban.
Noch in der Nacht zum Donnerstag kehrte das deutsche Fußball-Nationalteam ins südafrikanische Stammquartier nach Erasmia zurück. „Die Mannschaft hat keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Sie hat ein gutes Turnier gespielt“, so Löw weiter.
Nach dem verlorenen Halbfinale wird es für das Team aber auch bei einem Sieg gegen Uruguay bei der Rückkehr aus Südafrika keinen „großen Bahnhof“ in Berlin geben. Dies bestätigte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff nochmals in Durban. „Ich habe mit dem Mannschaftsrat gesprochen. Keinen Empfang nach dem Spiel um den dritten Platz!“
Die Planungen sehen vor, dass das Team nach dem Spiel gegen Uruguay nochmals von Port Elizabeth ins Quartier nahe Pretoria zurückkehrt. Dort wird es am Sonntag eine Abschlusspressekonferenz mit DFB-Präsident Theo Zwanziger geben.
Für Sonntagabend ist der Rückflug von Südafrika nach Deutschland vorgesehen. Für Spieler und Trainerstab beginnt nach der Ankunft am Montagmorgen in Frankfurt/Main der Urlaub.
FAZIT: Die Hürde Spanien war in Durban für das junge DFB-Team wie schon im EM-Finale vor zwei Jahren (0:1) zu hoch. „Es tut schon weh, wenn man es in der entscheidenden Situation nicht hinbekommt“, resümierte Mertesacker.
Kollege Arne Friedrich verpasste nach dem Spiel wegen einer Doping-Kontrolle den Mannschafts-Flieger zurück nach Pretoria und musste mit den Journalisten nachreisen.

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