SAO PAULO - Aus, vorbei, die letzte Flagge. Das war`s Schumi! Das große Rennen deines Lebens ist vorbei! Das 250. Rennen des fulminanten Kerpeners brachte uns noch einmal in Erinnerung, was dieser Teufelskerl geleistet hat bei seinem unvergleichlicher Titeljagd. Dramatik, Kampfeslust, Supertalent im Fahren, Nerven, Biss, Hunger auf Siege, der nie versiegte – so bleibt Schumi seinen Fans und auch seinen Kritikern für immer im Gedächtnis.
Boris Becker, Franz Beckenbauer, Henry Maske - sie alle waren große Champions im Sport, doch keiner war wie Schumi, der Allergrößte von allen Großen. Chapeau! Und viel Spaß auf den weiteren Runden des Alltags mit Corinna und Kids.
Ein kleines Stück Gummi, zerschlissen, beerdigte die letzten Träume, die letzten Hoffnungen des Champions auf einen Super-Abschluss seiner Formel-1-Karriere. Michael Schumacher musste nach einem Reifenschaden in der neunten Runde zurück an die Box und fiel auf den letzten Platz zurück. Er überquerte am Ende nach einem furiosen Ritt als umjubelter Vierter die Ziellinie.
Der neue Weltmeister aber ist auch der alte: Fernando Alonso verteidigte seinen Titel. Er wurde Zweiter. Am Ende lautete das Duell gegen Schumacher nach Punkten: 134:121. Das Saisonfinale gewann der Brasilianer Felipe Massa im Ferrari.
Renault sicherte sich zum zweiten Mal nach 2005 den Titel in der Konstrukteurswertung. 201:206 heißt dort die Bilanz zu Ungunsten Ferraris. Alonsos Teamkollege Giancarlo Fisichella wurde als Sechster abgewinkt. Alonso bedankte sich nach der Zieldurchfahrt beim Team: „Ihr seid das ganze Jahr über Spitze gewesen. Ich wünsche euch für die Zukunft viel Glück.“ Alonso fährt nächstes Jahr für McLaren-Mercedes, er will sich diese Woche persönlich bei jedem Mitarbeiter des französischen Herstellers in Enstone und Viry-Chatillon verabschieden und am kommenden Wochenende seiner Heimat Spanien einen Besuch abstatten. „Es war wirklich sehr eng und hat großen Spaß gemacht, mit ihm zu kämpfen. Ich habe immer gesagt, wenn du den Titel haben willst und Michael noch fährt, dann hat das viel mehr Wert, als wenn er nicht mehr dabei ist. Ich wünsche ihm für sein neues Leben alles Gute.“
Schumacher nahm sein unvollendetes Finale mit Fassung: „Ich hätte sicherlich gern auf dem Podium das letzte Rennen beendet. Vom Speed her hätte ich heute alle überholen können, aber für Felipe freue ich mich riesig. Und natürlich Gratulation an Fernando.“
Außer Frau Corinna brachte Schumacher seine Freunde, die zu Ehren seines Abschieds im Privatjet mitfliegen durften, sogar bis in die Startaufstellung, zu der normalerweise nur Teammitglieder, Betreuer, auserwählten Journalisten und Prominente Zutritt haben: Papa Rolf, die Kerpener Kartfreunde Peter Kaiser, Heribert Füngeling und Manager Willi Weber bezeugten das Spektakel der Startzeremonie.
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Als Schumacher seinen Ferrari auf der Startposition zehn abgestellt hatte, bildete sich sofort eine Traube Reporter um Schumacher, einige Fotografen stiegen auf die Boxenmauer, um überhaupt eine Chance zu haben, ein Bild von Schumacher zu machen.
Vielleicht ist Niki Lauda das beste Beispiel dafür, dass es ein Leben nach dem letzten Boxenstopp gibt. Der Österreicher entdeckte sein unternehmerisches Talent, als er 1985 zum zweiten Mal seine Formel-1-Karriere beendete. Er wurde Berater des späteren Ferrari-Präsidenten Luca di Montezemolo, gründete eine Fluggesellschaft und machte den Pilotenschein.
Ihm bereitete es größtes Vergnügen, Fluggäste persönlich in ihre Urlaubsorte zu bringen. Er besaß die Fluglizenz für alle Flieger seiner Lauda-Air-Flotte. Als sie in den Besitz der Austrian Airlines überging, sattelte der dreimalige Weltmeister auf "Fly Niki" um und zog eine Autovermietung auf.
Wenn Michael Schumacher Montag seinen ersten Tag im Ruhestand begeht, wird er sich nicht gleich auf neue Aufgaben stürzen. Er sagt: "Ich weiß noch nicht, was ich machen werde, aber ich denke, ich werde etwas Interessantes finden."
Laudas Erinnerungen klingen wie eine Warnung: "Am Anfang denkst du dir: Super, ich habe jede Menge Zeit. Du kannst ausschlafen und vor dem zu Bett gehen mal ein Bierchen zuviel trinken. Aber spätestens nach ein, zwei Monaten kommt der schlimmste Feind zu dir nach Hause: die Langeweile."
Die Kurve zu kriegen ist vielleicht die größte Herausforderung für Starrennfahrer, deren Tage von Grand-Prix- und Testfahrten, Besprechungen und Sponsorenterminen bestimmt wurden. Nur wenige Formel-1-Größen haben dem Motorsport ganz den Rücken gekehrt. Sie hat das Leben auf der Überholspur nie losgelassen.
Auch Alain Prost fiel es schwer, sich aus dem Rampenlicht zu entfernen. Der viermalige Weltmeister wollte, dass sein Traum nach dem Rücktritt 1993 in seinem Sohn weiterlebt und versuchte sich als dessen Förderer. Der Franzose diente sich beim Fernsehen als Experte an, gab ein Comeback bei McLaren als Berater und gar als Testfahrer. Schließlich mühte er sich als Teameigner und ging pleite.
Jackie Stewart versuchte sich ebenfalls als Teamchef und Rennstallteilhaber, 24 Jahre nachdem er seine Formel-1-Karriere beendet hatte. Seit 1973 hatte sich der Brite immerhin seine Kontakte zu nutze gemacht, als Repräsentant für Firmen gearbeitet und ein beachtliches Vermögen angehäuft.
Dem Engländer Nigel Mansell fiel es wohl mit am schwersten von der Droge Formel 1 zu lassen. Dreimal verkündete er seinen Rücktritt aus der höchsten Motorsportklasse, dreimal kehrte er zurück. Dieses Jahr fuhr der Getriebene Rennen in einer Seniorenserie.
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Unter anderem an der Seite von Prost, Rene Arnoux, Riccardo Patrese und Emerson Fittipaldi. Den Brasilianer Fittipaldi trieb ein Schuldenberg zurück ins Rennauto. Nach seinen Titeln 1972 und 1974 fuhr er von 1976 bis 1980 die Formel-1-Wagen seines eigenen Teams, ehe er in die amerikanische IndyCar-Serie wechselte. Er drehte bis 1997 Runden, und erst eine Rückenverletzung zwang ihn zum endgültigen Ausstieg. Um in der Seniorenserie zu starten, beißt er schon mal die Zähne zusammen.
Schillernde Lebensläufe abseits des Cockpits bleiben die Ausnahmen. Carlos Reutemann wurde nie Weltmeister, aber nur Monate nachdem er 1981 knapp geschlagen Zweiter geworden war, trat er zurück und begann erfolgreich eine politische Karriere: Er wurde zum Gouverneur der argentinischen Provinz Santa Fe gewählt.
Der Südafrikaner Jody Scheckter wollte nach seinem Rücktritt 1980 in den USA Tennisprofi werden: "Ich wusste, ich würde eine neue Herausforderung nur außerhalb des Motorsports finden." Erst gründete er in Atlanta eine Firma, die zu Schusstrainingszwecken Laserwaffenanlagen baute, dann 1996 in England eine Biofarm.
Den Sog des Rampenlichts belegt Mika Häkkinen. Nach drei Jahren Urlaub heuerte der Formel-1-Weltmeister von 1998 und 1999 beim Deutschen Tourenwagen-Masters an. Voriges Wochenende erwies er mit seinem Besuch an der Strecke von Interlagos Michael Schumacher eine große Ehre.
Zur Not hilft das Fernsehen pensionierten Piloten. Selbst Lauda konnte der Versuchung nicht widerstehen: Die Expertisen für RTL halfen ihm an die Strecken zurück.
Um 13.51 Uhr Ortszeit kommt Schumacher zurück von der Toilette, muss sich den Weg zu seinem Auto bahnen. Mika Häkkinen stellt sich ihm in den Weg. Der zweimalige McLaren-Mercedes-Weltmeister und der Rekordweltmeister umarmen sich.
Runde 68: Nach einem brillanten Überholmanöver lässt er auch Kimi Räikkönen hinter sich. Es wird Schumachers letztes Überholmanöver in der Formel 1 bleiben.
Was kommt nach Schumi?
Im Ziel ließ er es sich nehmen, seinen Teamkollegen Felipe Massa ("Das war der beste Tag meines Lebens.") zu feiern, dem es vergönnt war, den ersten brasilianischen Heimsieg seit Ayrton Senna 1993 zu sichern. Nur kurz danach beantwortete er auch die bohrendsten Fragen des RTL-Reporters Kai Ebel mit weltmännischer Gelassenheit: "Das Rennen war ziemlich chaotisch. Es hat leider nicht sollen sein für mich, aber für Felipe freut es mich tierisch. Glückwünsche auch an Fernando. Was ich vermissen werde, sind die Fans, die mich in jeder Hinsicht unterstützt haben". Ein denkwürdiger Abschied für Schumi, wenn auch nicht nach Maß, denn dazu hätte es den achten Titel gebraucht.
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Diese Marke für die Ewigkeit kann nun Alonso ins Visier nehmen. Der musste sich in seinem letzten Einsatz für Renault nicht mehr wirklich anstrengen. Locker brachte er seinen zweiten Rang nach Hause, ohne sich in ausfallträchtige Manöver zu stürzen. Ebenso souverän feierte er seinen zweiten Titelgewinn und bedankte sich auf der Ehrenrunde rührend bei seinem Ex-Team.
Doch was nimmt der Spanier - außer der begehrten Startnummer 1 - zu seinem neuen Team McLaren-Mercedes? Zum einen wohl die Gewissheit, dass sein Erfolg aus dem Vorjahr kein Geschenk des Himmels war, sondern auf das Konto eines Fahrers geht, der trotz seiner Jugend die Qualitäten eines echten Champions aufweist. Zum anderen die Gelassenheit und Erfahrung des einzigen Fahrers der nächsten Saison, der schon einmal einen Titel auf seinem Konto verbucht hat. Beste Chancen also für den WM-Hattrick, wenn sein neuer Arbeitgeber im nächsten Jahr endlich wieder ein Auto baut, das sowohl schnell als auch konstant fährt.
Seine größten Konkurrenten dürften aus dem hohen Norden, genauer aus Finnland kommen. Wobei Räikkönen im Ferrari schwer mit dem Schlagschatten Schumachers und dem zuletzt stark auftrumpfenden Massa zu kämpfen haben dürfte. Ins Cockpit des Weltmeisters steigt mit Heikki Kovalainen die große Unbekannte ein. Trotzdem sollte man ihn schon in den kleinen Kreis der Favoriten aufnehmen, denn die Dominanz der Renaults in den vergangenen Jahren sichert ihm vom Start weg einen nicht zu unterschätzenden Standortvorteil.
Das Abschneiden der Deutschen in Interlagos wirft dagegen einen furchterregenden Ausblick auf die Zukunft der Formel 1 im Land der durch "Schumi" titelverwöhnten Fans. Nico Rosberg trumpfte mit dem gewaltigsten Abflug seiner jungen Karriere schon kurz nach dem Start auf, als er nach einer Kollision mit seinem Teamkollegen Mark Webber erst den Frontflügel verlor und kurz darauf die Beherrschung über seinen Williams.
Ralf Schumacher stieg nach wenigen Runden aus seinem defekten Toyota und flog eiligst zum Geburtstag seines Sohnes, ohne die Abschiedsparty seines Bruders auch nur in Betracht zu ziehen. Der letzte im Bunde, Nick Heidfeld, hielt sich zwar etwas länger auf der Piste, konnte gegen Rennende seinen BMW Sauber allerdings auch nicht mehr auf der Strecke halten und blieb mal wieder ohne Punkte. Ein Schicksal, das allen dreien "Hoffnungsträgern" in 2007 häufiger droht. Und die Einschaltquoten in den Keller treiben dürfte.
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