11 FREUNDELabbadias RauswurfBruno Labbadia, so heißt es, habe beim HSV die Spieler nicht mehr erreicht. Das klingt zunächst mal poetischer, als es ist, ein Euphemismus aus dem Vokabular der von Unternehmensberatern unterwanderten Fußballmoderne. Sagen wir doch einfach: Sie haben ihm nicht mehr zugehört. Das ist nicht nur einfacher, es ist auch richtiger. Denn es zieht die Spieler in die Verantwortung, und da gehören sie hin. Sprechen und zuhören, senden und empfangen: So funktioniert Kommunikation. Wenn sie einmal nicht funktioniert, macht der Bundesligamob allzu oft den Sender verantwortlich, den Trainer also. Dass auch etwas mit dem Empfänger, der Mannschaft, nicht stimmen könnte, von diesem Gedanken lässt man lieber die Finger. Das Misstrauen, das die Konsequenz wäre, will man lieber nicht aushalten müssen. Spieler, die ihre Arbeit verweigern? Spieler, die willentlich den Erfolg sabotieren? Fußballgott, bewahre! Also lieber: Der Trainer hat nicht mehr die richtige Ansprache gefunden, keinen Draht mehr zur Mannschaft, die Verbindung ist abgerissen. Funkstille. Trainer raus. Neuanfang. Puh, geschafft. Das ist natürlich zu simpel. Wenn der Fernseher mal nur noch Schnee zeigt, haut man auf den Apparat, holt die Leiter und ruckelt an der Parabolantenne. Dann geht's wieder oder auch nicht. Aber niemand kommt auf die Idee zu sagen: »Die ARD ist kaputt. Sie erreicht uns nicht mehr. ARD raus.« Labbadia raus – das ging hingegen recht einfach. Bloß sitzt da nun immer noch die Mannschaft, die er angeblich nicht mehr erreichte. Was hat die eigentlich mit dem ganzen Schlamassel zu tun? Wenn Menschen nicht mehr empfangen, kann das vielerlei Ursachen haben. Schüler, die partout keinen Bock aufs Lernen haben, hören ihrem Lehrer nicht zu, und sei er auch noch so kompetent. Eine Frau, die sich entschlossen hat, ihren Mann zu verlassen, hört ihm auch nicht mehr zu, auch wenn sie ihn mal geliebt hat. Oder gerade deswegen. Und wer raucht, hört denjenigen nicht zu, die ihn vor Lungenkrebs warnen. Will sagen: Zum Zuhören kann man niemanden zwingen. Zuhören an sich ist zwar passiv, verweigertes Zuhören jedoch ist aktiv. Eine Provokation. »Man kann nicht nicht kommunizieren«, sagte der Sprachforscher Paul Watzlawick und meinte damit unter anderem: Auch ein verweigertes Gespräch beinhaltet immerhin noch die Botschaft, dass man nicht zuhören möchte. Die Information kommt an, aber sie wird absichtlich nicht mehr verarbeitet, aus Bockigkeit, Müdigkeit, Arroganz, manchmal sogar aus böswilliger Ignoranz. Beim HSV nun scheint es eine Gemengelage aus all dem gewesen zu sein. Abgestürzt vom ersten Tabellenplatz (7. Spieltag) auf den siebten, Tendenz fallend. Verletzungsmisere. Flugangst-, Flaschenwurf- und Kinoaffäre. Der Zukauf eines abgehalfterten Megastars. Ein Torwart, dessen Berufsethos es ihm gebietet, seinen Finger in jede Wunde legen zu müssen. Eine unklare, wenn überhaupt vorhandene Hackordnung. Doppelbelastung. Wechselgerüchte. Verfallserscheinungen. Die Ungeduld des Umfelds, seine unverhohlene Enttäuschung schließlich. Ein Vorstand, der in seinem ganz eigenen Boot sitzt, jedenfalls nicht im selben wie der Trainer. Allesamt Faktoren, die eine ohnehin heterogene Mannschaft nicht zum andächtig lauschenden Gesprächskreis machen. Dirk Gieselmann
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SPIEGEL
Respekt, Philipp Lahm!Es ist schon einige Jahre her, als der Begriff des "mündigen Profis" im Fußball in Mode kam. Genau lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wer ihn eigentlich aufbrachte, die Idee dahinter war aber klar: Berufsfußballer sollten sich eigenverantwortlich mit ihrem Beruf beschäftigen und nicht hinter soldatischen Befehlsstrukturen verstecken. Sie sollten auf dem Platz selbstständig agieren und jenseits davon klare Positionen beziehen, notfalls auch mal konträre. Die Idee klingt gut, nur mit der Praxis hapert es seither. Oft entpuppen sich meinungsstarke Profis als beleidigte Leberwürste, die öffentlich nicht mehr einzuklagen haben, als dass sie zu früh aus- oder zu spät eingewechselt wurden. Übt aber mal ein Spieler Kritik über die eigene Befindlichkeit hinaus, wie etwa Michael Ballack vor einigen Monaten zur Situation bei der deutschen Nationalmannschaft, wird das gleich wie eine Staatskrise behandelt, Brennpunktsendungen im Fernsehen inklusive. Das alles hat damit zu tun, dass es im Fußball keine Diskussionskultur gibt, die diesen Namen verdient. Es wird zwar wahnsinnig viel schwadroniert, aber ein Austausch ernsthafter Argumente findet nur selten statt. Unbequeme Wahrheiten zu benennen löst sogar zumeist fast panikartige Reaktionen aus, wie man an diesem Wochenende in München erleben konnte. Dort wurden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu Racheengeln mit dem Flammenschwert, weil Philipp Lahm in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" Kritik an der Vereinsführung geübt hatte. Diese fiel ihnen auch deshalb so tonnenschwer auf die Füße, weil Lahm der Vorzeigeprofi des Vereins ist. Er ist in München geboren und spielt seit seinem elften Lebensjahr bei dem Club, den er liebt. Er ist sogar bei den Bayern geblieben, um mit seinem Verein an die europäische Spitze zurückzukehren, als der FC Barcelona ihm ein attraktives Angebot unterbreitete. Nun ist er enttäuscht darüber, dass das Ziel nach dem Fehlversuch mit Klinsmann im Vorjahr erneut in Gefahr ist. Aber Lahm hat nicht etwa einen verbalen Amoklauf gestartet, sondern eine bis ins Detail zutreffende Analyse abgeliefert. Ja, den Bayern hat in den letzten Jahren ein konsistentes sportliches Konzept gefehlt, nach dem man Spieler rekrutiert. Ja, man hat einfach gute Spieler eingesammelt, um dann zu schauen, was man mit ihnen macht. Ja, es fehlt der Mannschaft trotzdem seit langem an Kreativität im Mittelfeld. Ja, es gibt Spieler, die nicht ins System mit drei Angreifern passen, wie es Trainer Louis van Gaal anstrebt. Anders als in der Begründung der Geldstrafe durch den Verein, dass Lahm seine Mitspieler oder seinen Trainer kritisiert habe, hat er das genau aber nicht getan. Er hat die Arbeit von van Gaal ausdrücklich gelobt und erklärt, warum Spieler wie Mario Gomez oder Anatoli Timoschtschuk derzeit Probleme haben. Als stellvertretender Mannschaftskapitän hat er sich vor sein Team und seinen Coach gestellt. Gezielt hat Lahm mutig auf die Chefetage. Die kritisiert, dass Lahm mit seiner öffentlichen Kritik ein Tabu gebrochen habe und wirft ihm vor, das Interview vorbei am Verein gegeben und autorisiert zu haben. Dies sei ihm laut Vertrag untersagt. Neben der inhaltlichen Seite ist auch der Ton von Lahms Ausführungen wichtig. Er ist an keiner Stelle des umfangreichen Interviews persönlich geworden oder hat sich zynisch und herablassend gezeigt. Auch dieser Umstand trägt zu dem Eindruck bei, dass es ihm um eine sachliche Auseinandersetzung gegangen ist und hier kein Egotrip ausgelebt wurde oder verletzte Eitelkeit eine Rolle gespielt hat, die den meisten - angeblich kritischen - Äußerungen von Fußballspielern zugrunde liegen. Tonis Aktion als Ausdruck der Selbstbezogenheit Lahm hat gegen vertragliche Regelungen verstoßen, als er an der Pressestelle des Clubs vorbei ein Interview lanciert hat. Das wird ihm klar gewesen sein, er hat eine empfindliche Strafe einkalkuliert, und offensichtlich war es ihm die Sache wert. Spätestens die überwältigend positive Resonanz vieler Bayern-Fans dürfte ihn bestätigt haben und der Vereinsführung zeigen, dass von ihr mehr als wutschnaubende Bestrafungsaktionen erwartet wird. Vielleicht sollte sie sich mit der Kritik einfach mal inhaltlich auseinandersetzen. Dass neben Lahm am Samstag auch noch Luca Toni auffällig geworden ist, hat inhaltlich übrigens nichts miteinander zu tun. Es bedeutet sogar genau das Gegenteil, weil sich der italienische Stürmer wie ein beleidigtes Kind verhalten hat, als er nach seiner Auswechselung schon zur Halbzeit das Stadion verlassen hat. Das ist Ausdruck der trostlosen Selbstbezogenheit vieler Fußballprofis, die nur um sich kreisen. Es ist destruktiv, wo sich Philipp Lahm konstruktiv und wie ein Erwachsener verhalten hat. Die angebliche Rekordstrafe, die der FC Bayern Lahm nun aufbrummen will, ist für ihn überdies gut angelegtes Geld. Seit Samstag wissen wir, dass es sich bei dem kleinen Mann um eine Persönlichkeit handelt, dem ungeachtet persönlicher Konsequenzen das Wohl seines Vereins am Herzen liegt. CHRISTOPH BIERMANN
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Der neue Kahn
Normalerweise brechen die Fernsehquoten nach Abpfiff eines Länderspiels massiv ein. Nicht so am Mittwoch. Immerhin 6,6 Millionen wollten noch den neuen Oliver Kahn sehen und, vor allem, hören. Sehen: Kahn hat es gelernt, in die Kamera zu schauen. Früher starrte er am Interviewer und dem Kameraauge vorbei, als würde er den Mars oder die Venus suchen. Jetzt zeigt er auch visuell, dass er zu dem steht, was er sagt. Hören: Was er gesagt hat, war bemerkenswert. Der Torwart Kahn ist problemlos zum Fernseh-Kahn mutiert. Wieder die Konzentration auf das Wesentliche, wieder zupackend und nie kneifend.
Da war nichts mehr von der Märchenstunde aus der Mixed-Zone, da wurde Tacheles geredet. Kahn wird kein Imitat von Klopp, und das ist gut so. Kahn wird auch nie ein Klopper werden. Ein wenig mehr Emotion allerdings würde ihm gut tun. Er muss ja nicht wie in seinem vorherigen Leben zu verbalen Kungfu- und Beißattacken ansetzen.
Aber manchmal hat er sich doch noch zu sehr für die alten Kollegen eingesetzt. Seine hochinteressanten Erklärungen glitten an den Rand von Entschuldigungen. Dass Torhüter bei Oliver Kahn immer einen Bonus haben werden, gehört zu sei nem früheren Leben. Es wäre schlimm, wenn das anders wäre. Was noch fehlt, ist das Fordernde, aber das wird mit der Zeit und der Erfahrung kommen.
Wo ein Günter Netzer bei der ARD sagt: "Das und das muss sich ändern" verharrte Kahn bei seinem Debüt noch auf der puren Analyse: "Das und das läuft schief." Aber was schief läuft, hat er schonungslos angesprochen.
Kein Vertreter des diplomatischen Dienstes, sondern ein Mitglied im Verein für klare Ansprache. Wohltuend. Die Chemie zwischen Johannes B. Kerner und Oliver Kahn scheint zu stimmen. Da waren genügend Steil- und Querpässe. Und dass es vorher ein intensives Briefing gegeben hat, war unüberseh- und unüberhörbar.
Auch Kerner ließ sich in seinem Interview mit Bundestrainer Löw von der Direktheit seines neuen Begleiters anstecken. Das Fazit nach einem Abend Oliver Kahn: Willkommen, Kollege!
RAINER KALB
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